MENDIG. Ein nüchterner Siebenzeiler hat am 31. Mai die große Ära des Volleyball-Leistungssports in Mendig erst mal beendet – womöglich für immer. Eine E-Mail an die Deutsche Volleyball-Liga, adressiert an die für die 2. Bundesliga Süd zuständige DVL-Mitarbeiterin Viola Knospe, machte aus den Gerüchten der Vortage um 23.05 Uhr eine Tatsache: „Der VC Eintracht Mendig verzichtet auf seinen sportlich zustehenden Platz in der 2. Bundesliga Süd der Herren“, lautet der Kernsatz. Formuliert vom VCM-Vorsitzenden Kurt Müller, der sich im Anschluss noch für die „langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit“ bei der DVL bedankte und der „Entwicklung des Volleyballs im Leistungssportbereich“ künftig „die Daumen“ drückte.
Das wars, so lapidar können insgesamt 19 Jahre – acht im Oberhaus zwischen 1996 und 2005, elf seit 1990 in der 2. Liga Süd – in den Bundesligen zu Ende gehen. Dabei sah es in Müller ganz anders aus. Die Entscheidung des Klubs, die einstimmig durch alle Gremien gegangen war, verkündete der Mendiger Macher „sehr schweren Herzens“ und mit einer ganz gehörigen Portion Wehmut. Nach 44 Jahren steht der Volleyball in Mendig am Scheideweg – aber nicht vor dem Aus. „Wenn wir den Schock verdaut haben, machen wir weiter“, erklärt Müller. „In welcher Liga und mit welcher Intensität, ist noch offen.“ Realistisch erscheint ein Start in der Regionalliga, da der VC für die neue 3. Liga erst gar nicht gemeldet hatte.
Möglicherweise vierte statt erste Liga, so schnell kann das gehen. Noch vor rund einem Jahr hätte der VC in die Bundesliga gehen können – verzichtete nach sensationellem Titelgewinn aber aus finanziellen Gründen auf den Aufstieg. Die vielen Talente im Team, die kurz darauf auch deutscher U 20-Meister wurden, sollten weiter in der zweiten Liga gefördert werden und parallel ihre Schulausbildung mit dem Abitur abschließen. Was auch gelang, freilich litt in der vergangenen Spielzeit die Leistung darunter – zusätzliche Verletzungsprobleme sorgten dann dafür, dass Mendig nur Zehnter wurde.
Die sportlich vor allem wegen der personellen Situation – auch Leistungsträger wie Christoph Schwenk, Niklas Rademacher oder Manuel Handels fehlten oft aus beruflichen Gründen – in der Tat unbefriedigende Spielzeit war ein gewichtiger Grund, warum Bernd Werscheck Ende April seinen definitiven Abschied zum Saisonende verkündete. Nach über vier Jahren meinte der Coach im RZ-Interview: „Das ist viel Holz, man reibt sich irgendwann etwas auf. Ich will kein Trainer-Beamtentum, es ist Zeit für etwas Neues.“ Den angestrebten Job bei Bundesligist evivo Düren bekam der 51-Jährige nicht, sondern mit Michael Mücke ein langjähriger Rivale. Nun könnte sich Bernd Werscheck neben seiner Lehrertätigkeit in Rheinbach verstärkt dem Beachvolleyball zuwenden.
Ein Zurück zum VCM hatten beide Seiten ausgeschlossen, auch die Vereinsführung, die vom Entschluss des Trainers überrumpelt worden war. „Das hat mich überrascht“, gibt Kurt Müller zu. Und ihn vor Probleme gestellt, die sich als unlösbar herausstellten. „Bernd war immer ein Gewinn und Garant des Erfolges in allen Bereichen, fürs Zweitligateam und den Nachwuchs“, sagt der VC-Chef. „Aber natürlich hat sein Abschied gerade bei unseren jungen Spielern eine Reaktion ausgelöst.“ Am Ende war es gar ein Dominoeffekt, den Müller nicht mehr umkehren konnte.
Rückblende. Am 24. April fand im Haus des Vorsitzenden in Bell die obligatorische Sitzung der Mannschaft zum Saisonabschluss statt, vier Tage vor dem letzten Saisonspiel bei der TG Rüsselsheim und insgesamt acht Tage vor dem Meldeschluss für die nächste Zweitligasaison. Als Bernd Werscheck mit der ersten Wortmeldung seinen Abschied ankündigte, überraschte er damit nicht nur Müller, auf dessen Frage via Hallenmikrofon nach dem letzten Heimspiel gegen Coburg/Grub, ob er denn nach Düren ginge und seinen Sohn und Zuspieler Tom-Julius mitnähme, mit einem „Unsinn“ geantwortet hatte. Er habe dabei „nicht gelogen“, versicherte Werscheck, sein Kontakt zu Düren habe sich erst unmittelbar vor der Mannschaftssitzung in Bell konkretisiert.
In der erklärten auch Niklas Rademacher und Sven Dick ihren Abschied aus beruflichen und universitären Gründen, Kapitän Christoph Schwenk hatte das teamintern schon vorher getan. Am Ende gaben nur Manuel Handels und Mario Birk ihre Zusage für 2012/2013, am 2. Mai meldete der VC dennoch fristgerecht für die zweite Liga – in der Hoffnung, in einem Monat doch noch in personeller Hinsicht entscheidende Fortschritte zu machen.
Denn finanziell und organisatorisch wäre der Verein für eine weitere Zweitligasaison bestens aufgestellt gewesen, auch dank der Hilfe der beiden Fanklubs Vulkanpower und Supporters. Während die Eintracht in den vergangenen Jahren stets um die seriöse Finanzierung gekämpft hatte, war Geld diesmal kein Problem. „Wir sind schuldenfrei und hätten dank unserer treuen Partner die Mittel gehabt, um mit einer Amateurtruppe in der zweiten Liga zu spielen“, erklärt Müller. „Wir haben jedoch im engen Zeitfenster keine Chance gehabt, ein konkurrenzfähiges Team ohne Profis zusammenzustellen. Und den Weg mit bezahlten Söldnern wollten wir ganz bewusst nicht gehen – das hätten wir nach jenem erfolgreichen Nachwuchskonzept der letzten Jahren niemandem vermitteln können.“
Besonders der Verlust der fünf Abiturienten um T.J. Werscheck war nicht mehr aufzufangen. Der Passgeber wird – wie Davic Meder und Konstantin Skok – mit Erstligisten in Verbindung gebracht, aber auch mit Zweitligist Leipzig. In der Kürze der Zeit bis zum 1. Juni hat Müller kein tragfähiges Konzept erstellen können und deshalb den Rückzug formell eingereicht. Das kostet bis zu jenem Stichtag nur 3000 Euro Konventionalstrafe, zum 1. Juli wären es dagegen schon 8000 gewesen. „Und in der Urlaubszeit dazwischen hätten wir Planungen ja auch nicht vorantreiben können“, so der VC-Chef. „Irgendwann ist halt mal Schluss.
So war die Rücknahme der Zweitligameldung letztlich alternativlos und verantwortungsvoll – wenn auch mit großem Bedauern verbunden. Er habe etliche Rückmeldungen erhalten, sagt Kurt Müller, von Förderern und Partnern, Fans und Freunden des VC – „ausnahmslos positiv“ und getragen von Verständnis und Zustimmung, oft aber auch einer Portion Fassungslosigkeit und Wehmut. Nun ist erst mal Zeit für Trauerarbeit, dann folgt die mentale Aufbauarbeit und die sportliche. Denn so viel ist klar: Die „Mannschaft des Jahres 2011“ von Rheinland-Pfalz wird ein neues Gesicht bekommen, aber nicht von der Bildfläche verschwinden.









